30 Jahre Yachtrevue (2006)

Journalistisch arbeiten ist bei weitem nicht so ertragreich wie Werbung. Dafür hat man manchmal eine Fetzengaudi dabei. Aus dem 30 Jahre-Jubiläumsheft der Yachtrevue stammt diese Story: Luis Gazzari fragte mich, ob ich was für diese Edelausgabe schreiben will. „Klar,“ sagte ich. „was denn?“  „Keine Ahnung,“ sprach der Luis. „Fällt Dir nix ein?“ „Doch,“ sagte ich: „Wie wär´s mit einem kurzen Abriss über die technologischen Fortschritte im Segelsport, seit die erste Yachtrevue erschienen ist?“ Der Luis hats geliebt. Naja, war ja auch eindrucksvoll, die Story. Hier ist sie:

 

 

Futurama `76

 

Kein Carbon, kein Kevlar, kein GPS und kein Yachtrevue-Onlineforum – unvorstellbar, dass man so die Meere überqueren konnte, aber Robin Knox-Johnston, Bernard Moitessier und Gustav Vettermann taten es trotzdem. Die hier abgebildeten zehn unverzichtbaren Dinge  konnten in den ersten Yachtrevue-Ausgaben nicht beschrieben werden, weil niemand ahnte, dass es sie eines Tages geben würde. Sie betrachtend können wir ermessen, wie aufregend die letzten 30 Jahre wirklich waren.

 

Der atmungsaktive Friesennerz:

Auf flimmernden Super8-Filmen von den ersten Whitbread-Round-the-World-Races sieht man langhaarige Segelexistenzialisten, die in der Freiwache auf mitgebrachten Gitarren klimpern. Sie tragen über schafwollenen Pullovern quietschgelbe Plastik-Ölzeugjacken, die beim ersten Kontakt mit einem Bootsbeschlag zu zerreißen pflegten und an deren Innenseite bereits fünf Minuten nach dem Anziehen der Körperschweiß zu Bächen kondensierte. Wie konnte man eigentlich in diesem Aufzug um die Welt regattieren, ohne sich aufzulösen? Egal, ist eh vorbei: Den Quantensprung für Seglers Arbeitskleidung markiert das am 27. April 1976 einem gewissen Robert Gore zugesprochene U.S. Patent 3,953,566 „für eine poröse Form vom Polytetrafluorethylen mit einer durch Fasern verbundenen Mikrostruktur aus Knoten“. Als erstes GoreTex-Produkt kam noch im selben Jahr ein Zelt auf den Markt. Der Rest ist Geschichte, und wer heutzutage mit einem Plastik-Ölzeug angetan und einer Gitarre in der Hand an Bord einer VOR 60 zu gehen versucht, bekommt vielleicht einen Vierteldollar geschenkt. Aber sicher keinen Crewplatz an Bord.

 

Der Wetterbericht, der aus dem Drucker rinnt:

Es war einmal in den späten 70er Jahren, da begann eine Postfunkstelle namens Cullercoats im Nordosten Englands so genannte temporary radio teletype broadcasts  zu versenden: Wetterberichte und Sturmwarnungen, die das Empfangsgerät auf Papier ausdruckte. Das Service hatte so breiten Erfolg, dass es 1983 zur Dauereinrichtung erklärt und auf andere britische Stationen ausgedehnt wurde. Ab 1987 begann das Beispiel auch in anderen Seegebieten Schule zu machen, was rasch zur Etablierung eines weltweiten Standards führte. Heute ist NAVTEX ein integraler Teil des GMDSS und versendet neben Wetterinformationen auch Warnungen für die Schifffahrt und Informationen über Seenotfälle. Sollte man haben, oder?

 

Der unfehlbare Navigator:

Schnell: Wie funktioniert die Vierstrich-Peilung? Wie ermitteln Sie die Mittagsbreite?

Ääääh - vergessen? Kein Wunder: 1978 schossen die Amerikaner das erste Testmodell eines GPS-Satelliten in die Umlaufbahn. 1983 verirrte sich dann ein koreanischer Jumbo-Jet in den russischen Luftraum und wurde kurzer Hand abgeschossen. Angesichts dieses fatalen Navigationsirrtums mit 269 Todesopfern ordnete US-Präsident Ronald Reagan an, das ursprünglich exklusiv militärisch konzipierte GPS-System für zivile Zwecke nutzbar zu machen.  11 Jahre später, am 17. Januar 1994, war die komplette Kette von 24 Satelliten im Orbit. Übrigens: Die ersten primitiven Handheld-Geräte waren damals von umgerechnet 1600 Euro aufwärts wohlfeil. Heutzutage steckt man um ein Fünftel dieses Betrages den Planeten in die Tasche und spart sich Vierstrich-Peilung und Sextantenverrenkungen. Zumindest so lange, bis die Batterien leer sind...

  

Das Segel, das aus dem Computer kommt:

Kevlar gab es schon, als die erste Yachtrevue erschien. Allerdings nur in kugelsicheren Westen. In den 80er-Jahren tauchten dann die ersten völlig recklosen Leinen und die ersten unzerstörbaren, aber noch sauschweren Segelgarnituren aus den neuen Hochleistungsfasern auf. 1993 verkoppelte dann North Sails die CAD-Computersimulation mit einer Folienpresse und einem Roboter, der Kevlarfäden über große Flächen distribuiert. Das Segel war neu geboren. - Für jene, die sich’s leisten konnten.

 

Der Autopilot, der mit der Windfahne plaudert:

Schiffs-Autopiloten gab es schon in den 30er Jahren, und ab den späten 70ern konnte man sie sich auch als Yachtie leisten. Aber den Komfort, Windfahne und Autopilot, GPS und Radar, Logge und elektronische Seekarte zu verkoppeln – den ermöglichte erst der vereinheitlichte Datenbus-Protokollstandard  NMEA, dessen erste Fassung 1980 eingeführt wurde. R2D2 zu C3PO: „Tütblieeeptüt!“

 

Die dunkle Seite der Yacht:

Carbonfaser-Gelege gabs schon, als die Yachtrevue auf den Markt kam, allerdings ausschließlich in sauteuren Luxus-Angelruten. Masten, Ruderblätter, Schwerter und ganze Rümpfe begann man erst viel später aus Carbon zu bauen. Wobei die Historie vermerkt, dass bereits beim 77/78er Whitbread Round the World Race die Heath´s Condor mit Mastbestandteilen aus Carbon an den Start ging. Die Konstruktion erwies sich allerdings als viel zu wacklig und bruchanfällig, was Skipper Robin Knox-Johnston und seiner Crew einen unfreiwilligen einwöchigen Reparaturaufenthalt in Liberia und den letzten Platz beim Rennen eintrug. Unter den Crewmitgliedern, die sich während der Downtime in Monrovia auch noch eine massive Durchfallerkrankung einfingen, war übrigens auch der blutjunge Peter Blake...

 

Der Westentaschen-Lebensretter:

Das lebensrettende Personal EBIRP ist ein kleines, aber buchstäblich lebenswichtiges Glied in der Kette eines weltumspannenden Seerettungs- und Notfallkommunikationsnetzes namens Global Marine Distress and Safety System (GMDSS), das 1979 angedacht und ab1993 schrittweise eingeführt wurde.  GMDSS nützt eine Kombination aus terrestrischer und satellitengestützter Datenübertragung für automatisierte Notrufe und koordinierte Such- und Rettungsaktionen. Möge es stets funktionieren – und mögen Sie es niemals brauchen.

 

Der IMS-Bug:

Die ersten Rennmaschinen, die in der Yachtrevue portraitiert wurden, hatten alle eines gemeinsam: Seltsam abgeschnittene Hecks, mörderisch überhängende Büge und durch Beulen und Einbuchtungen eigenartig verrenkte Hüften. Sie waren Kinder der IOR-Vermessungsformel, die über zwei Jahrzehnte hinweg von Jahr zu Jahr bizarrere Kampfmaschinen produzierte, während man am reputierten Massachusetts Institute of Technology bereits ab der zweiten Hälfte der 70er Jahre über Alternativen nachdachte. Resultat dieses Nachdenkens und langer Praxistestreihen war IMS, das International Measurement System, das 1985 vorgestellt und in einem langen, manchmal schmerzhaften Prozess durchgesetzt wurde, bis 1999 die erste IMS-WM stattfand. Resultat der IMS-Formel und ihrer „kleinen Schwester“ ORC Club war eine neue, schnellere und leichtere Generation von Performance-Yachten, nach deren Vorbild sich auch das Serienyacht-Design veränderte: Heutzutage trägt man den geraden IMS-Bug. Aber unter uns... – eine Swan aus der IOR-Ära würden wir auch heute noch sehr lustvoll segeln, oder?

 

Der schwimmende Radical Chic:

Alle Bootsklassen, die bei den kommenden olympischen Spielen starten, existierten schon 1976. - Bis auf diese: Der 49er ist eine Idee von Julian Bethwaite und ist konzipiert als Suchtdroge für eine Generation X, die sich von Kindesbeinen an in temporeichen Balancesportarten wie Skateboarding, Snowboarding und Inlineskating gemessen hat, nervös wird, wenn sie nicht schon bei matten 8 Knoten Wind die volle Power spürt und sich vorzugsweise an Plätzen aufhält, an denen kein „boring old fart“ freiwillig länger als fünf Minuten bleibt: Vor megalauten Clubbing-Lautsprechern zum Beispiel. Oder auf Booten, die man erst aufstellen muss, um einzusteigen...

 

Das Meer an Information:

1989 bastelte am Kernforschungszentrum CERN bei Genf ein gewisser Tim Berners-Lee einen Standard, der allen Computernutzern des Planeten erlauben sollte, in Echtzeit Daten mit einander auszutauschen. Er taufte sein Baby World Wide Web, und wenn Sie heute Abend in www.yachtevue.at die neuesten Neuigkeiten lesen, im Forum den letzten Tratsch erfahren, online den Flug zur Charteryacht buchen und per e-Mail Ihr nächstes Crewtreffen vereinbaren, widmen Sie Tim Berners-Lee bitte ein ehrendes Gedenken: Er hat den Segelsport verändert wie niemand zuvor seit der Erfindung des Kompasses. Die Welt übrigens auch, aber der Segelsport hätte eigentlich völlig genügt.